000112 Pylos Tumulusgrab (Heinrich) wp
000140 Korinth Apollontempel (Heinrich)_cr
Diolkoj1_cr neu
Agamenon Totenmaske (Mrakovits)_cr
001169 Aureus Divus Claudius neronisch NM Kopenhagen (Kromann 4)
001382 VatMus Trajan (Heinrich)_wp

 

40425470wMg

Navigation

Home

Vorträge

Artikel

Internet-Beiträge

Link-Sammlung

Impressum

 

 

Unnötig zu erwähnen, dass diese „Methode“ des „Kleinsten Gemeinsamen Vielfachen“ mehr als umstritten ist. Mit ihr ist es möglich, zwischen allen Bauwerken der Welt Beziehungen herzustellen und seien diese noch so absurd. Selbst die Pyramiden von Gizeh und der Kölner Dom würden nach Berechnungen unter den Bedingungen Alexander Thoms einen gemeinsamen Wert beinhalten - doch niemand spricht von einer „colonoägyptischen Elle“. Die Tatsache, das beide Bauwerke Ähnlichkeiten haben (immerhin: sie laufen nach oben spitz zu !!!), wollen wir hier vernachlässigen.

Doch nicht nur in der Vor- und Frühgeschichte stößt man auf fehlgeschlagene Versuche, Bauwerken eine astronomische Ausrichtung anzudichten. In der Klassischen Archäologie („Mittelmeerarchäologie“) war es H. Nissen, der die Theorie aufstellte, antike Tempel seien astronomisch ausgerichtet gewesen und sogar ganze Städte hätten sich an diesen Ausrichtungsachsen orientiert (H. Nissen, Orientationen (1908)). Die von ihm angewandte Methodik wurde bereits durch von Gerkan klar widerlegt (A. v. Gerkan, Griechische Stadtanlagen (1924), 75). Hatte Nissen doch postuliert, der griechische Tempel sei zu dem Ort hin ausgerichtet, an dem am Tage der Tempelgründung die Sonne auf- oder unterginge. Da eine Reihe von Bauwerken tatsächlich weder eine westliche noch eine östliche Ausrichtung haben, ging Nissen im Verlauf seiner Arbeit dazu über, nunmehr auch die Längsseite als Anhaltspunkt anzunehmen. Von Gerkan bemerkte zu dieser Methode treffend:

...wenn das Prinzip der Sonnenorientation einmal durchbrochen ist, so bleibt es eine Willkür, nur diejenigen Tempel, für welche die Sonne nicht in Betracht kommen kann, nach Sternen zu richten, es könnten vielmehr beliebig viel andere aus der Zahl der Sonnentempel ebenfalls nach Sternen, unmittelbar oder quer, orientiert gewesen sein, oder gar nach dem Mondaufgang, womit unerschöpfliche Möglichkeiten geboten wären“ (A.v. Gerkan, a.O.).

Kurz: alleine die Vielzahl sichtbaren Himmelskörper macht es möglich, jedem Bauwerk eine astronomische Ausrichtung zu unterstellen, egal, wie absurd diese Annahme im Endeffekt auch ist.

Sowohl Thom als auch Nissen unterläuft ein weit verbreiteter Fehler bei astroarchäologischer Quellensuche: Die astronomische Bedeutung wird postuliert, und erst danach beginnt eine mathematische Betrachtung des Objekts, das dabei aus dem kulturellen Kontext völlig herausgelöst wird.

Es gab immer wieder Versuche, mittels der Präzessionsbewegung der Erde auf astronomischem Wege eine Datierung herbeizuführen.

Diese Kreiselbewegung der Erdachse bewirkt, dass ein bestimmtes Himmelsobjekt sich pro Jahr um 46 Bogensekunden in der Deklination und drei Sekunden in der Rektaszension verschiebt.

kegel_praez_erde

Bildquelle: parallax.at

nutation_2

Bildquelle: parallax.at

Die scheinbare Bewegung dieses in Pol in etwa 40.000 Jahren bewirkt, dass in etwa 12.000 Jahren die helle Wega (α Lyrae) den „Polarstern“ darstellen wird, bereits in 7.000 Jahren wird sich Deneb (α Cygni) im Bereich des Himmelsnordpols befinden. Zur Zeit Hipparch (um 190 vuZ – 120 vuZ), des Entdeckers der Präzession, stand der Frühlingspunkt im Sternbild Widder am Rande zum Sternbild der Fische (daher wird häufig vom „Widderpunkt“ gesprochen), befand sich bereits um Christi Geburt in den Fischen, hat diese bis heute weitgehend durchlaufen und wird um das Jahr 2600 den Wassermann erreichen. Übrigens ist dies eines der vielen Argumente, die die Astrologie ad absurdum führen.

praez588_years

Bildquelle: parallax.at

Die Idee war nun, aus der Differenz von angenommener und tatsächlicher Ausrichtung zum Himmelsnordpol eine Differenz aufgrund der oben genannten Abweichung zu ermitteln. Dieser Wert wird in Jahre umgerechnet E.W. McKie et al., Brainport Bay: A Prehistoric Calendrical Site in Argylshire, Scotland, Archaeoastronomy 8, 1985, 53ff). Hiermit würde allerdings eher belegt, dass an der Anlage gebastelt wurde, um die Ausrichtung hin auf den Sonnenaufgang am Mittsommer zu erreichen.

Präzession Brainport Bay1

Bildquelle: E.W. McKie a.0.

Der Denkfehler ist offensichtlich:

Es wird postuliert, ein archäologisches Objekt sei in früheren Zeiten genordet bzw. auf einen bestimmten astronomischen Vorgang hin ausgerichtet gewesen. Wie jedoch kann man etwas voraussetzen für eine Berechnung, die eben diese Voraussetzung erst belegen soll?

Stern-Skorpion-Felszeichnung-White Tanks Regional Park-Apache Point Observatory

Bildquelle: Apache Point Observatory via Spiegel-Online

Relativ pünktlich zum „Jahrestag“ der hellen Supernova am 1. Mai 1006 legte der Astronom John Barentine eine Altindianische vermeintliche Darstellung dieser Sternexplosion vor (vergl. Spiegel Online 07.06.2006).

Auf der Jahrestagung der American Astronomical Society im kanadischen Calgary zeigte er eine Felszeichnung, die dem Stamm der Hohokam zugeordnet wird, nach heutigen Kenntnissen sesshaft zwischen 500 und 1100 uZ in den White Tank Mountains bei Phoenix.

Argumente für diese Vermutung sind die zeitliche Einordnung der Sterndarstellung, der Stern selbst und ein Skorpion an seiner Seite. Der Ort jener Supernova war die Konstellation Wolf (Lupus), die im Süden an den Skorpion angrenzt.

Doch das ist mehr als unbefriedigend.

Einzig das Vorhandensein des Fundes auf dem Stammesgebiet der Hohokam ist noch kein Beleg für ihre Urheberschaft, erst recht nicht für die Datierung - es sei denn, wir postulieren den Stern als jene Supernova 1006 und ordnen die Zeitsetzung dem unter, datieren also die Darstellung nach dem vermeintlich dargestellten Himmelsereignis.

Auch das zweite Argument spiegelt einen weit verbreiteten methodischen Fehler wider.

Die Bezeichnung der Sterne um Antares als Sternbild „Skorpion“ ist europäisch, folgt der griechisch-römischen Antike und zum Teil der arabischen Himmels-Einordnung. Diese galt jedoch nicht im präkolumbianischen Amerika, sie dürfte nicht einmal bekannt gewesen sein. Die heutige Allgemeingültigkeit der Bezeichnung von Sternbildern und -orten darf nicht darüber hinweg täuschen, dass andere Kulturen auch andere Sternbilder kennen, die Sterne am Himmel dort ganz anderen Figuren zugeordnet werden.

Dunhuang_star_map

Die Dunhuang-Sternkarte aus dem China des 7. Jh. uZ. Man beachte die zu Europa teilweise unterschiedliche Zusammensetzung der Konstellationen. Bildquelle: Wikipedia

Das gleiche gilt ebenso für die Betrachtung prähistorischer Darstellungen in Europa. Die Wahrscheinlichkeit, dass bereits die Steinzeit einer Himmelsordnung folgte, wie sie erst seit den ersten Jahrhunderten vuZ gültig ist, kann als äußerst gering bezeichnet werden. In wieweit es überhaupt eine allgemein gültige Zuordnung von Sternen zu Konstellationen gegeben hat, ist mehr als fraglich. In jedem Fall dürfte sie nicht nachweisbar sein.

Was ich nicht erklären kann, das seh' ich astronomisch an“. Es scheint eine allgemeine Tendenz zu sein, ungelöste so genannte „Rätsel der Archäologie“ automatisch im Bereich der Astroarchäologie anzusiedeln. Der vielfach beschworene abenteuerliche und mystische Aspekt der Archäologie, eher „Archäomanie“, die Suche nach dem Geheimnisvollen und die Flucht aus der Gegenwart sind Aspekte der Populärwissenschaft, die sich in der Astroarchäologie besonders niederschlagen.

Denn hier haben wir eine Symbiose aus zwei Wissenschaften, die in der Öffentlichkeit gerne geheimnisvoll und mystisch gesehen werden. Was für die Archäologie das „Alte“, ist für die Astronomie die „Unendlichkeit“.

Zusammenfassend scheinen mir folgende Aspekte im Hinblick auf das „Phänomen Astroarchäologie“ von Bedeutung zu sein:

Die dargelegten methodischen Fehler: der Versuch, mit den naturwissenschaftlichen Methoden der Astronomie an archäologische Objekte heranzugehen, wobei eine astronomische Bedeutung vorneweg postuliert wird, wie es etwa Nissen und Thom taten.

Astroarchäologie als Versuch, ideologisches Gedankengut mit wissenschaftlichen Argumenten zu absolutisieren: Der Glaube, dass die neolithischen und bronzezeitlichen vermeintlichen „Germanen“ eine hochstehende Astronomie besaßen, belegte für die NS-gesteuerte Geschichtsschreibung die kulturelle Überlegenheit im Kulturkampf.

Astroarchäologie als moderne Zivilisationsflucht: Die Verbindung zweier geheimnisvoller und abenteuerlicher Wissenschaften verhilft zur Flucht ins Irrationale, vergleichbar mit den Utopia-Gedanken des Science Fiction. Hinzu kommt der kommerzielle Aspekt: Wenn ein Interesse an Gegenwartsflucht und Utopia bereits vorhanden ist, kann es kommerziell auch genutzt werden, wie etwa der esoterische Tourismus um Stonehenge, dem durch neuzeitliche „Nachbesserungen“ nach dem zweiten Weltkrieg im Auftrag des Heritage nachgeholfen wurde.

 

Zurück zur Hauptseite