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Kopernikus, Brahe und die christlichen Wissenschaftler

 

Die oberflächliche Betrachtung der Geschichte des Weltbildes geht häufig von einer Geradlinigkeit aus. Zu Beginn die Erde als Scheibe, danach die Kugelform. Beides mit unserem Planeten im Zentrum des Universums. Von dieser Kugelform einer im Mittelpunkt still stehenden Erde ging auch Kolumbus (1451-1506) aus, der nach Westen aufbrach, um so einen günstigeren Handelsweg nach Indien aufzutun. Er war eher ein Handlungsreisender, als ein Entdecker. Das Resultat ist bekannt. Die Entdeckung Amerikas mit fatalen Folgen für die dort ansässigen Kulturen.

 

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Columbus-Ankunft-San Salvador-ap

Eine heroisierene Darstellung der Ankunft des Kolumbus auf amerikanischem Boden. Er selbst glaubte bis zu seinem Tode allerdings, Indien vor sich zu haben. Bildquelle: AP

Es folgten Kopernikus (1473-1543), der die gute und runde alte Erde aus dem Zentrum verbannte, Giordano Bruno (1548-1600), welcher für eben diese Behauptung 1600 auf dem Scheiterhaufen landete und Galileo Galilei (1564-1642). Dem fielen Jupitermonde auf, die sich nicht um die Erde, sondern um den eigenen Zentralplaneten drehten. Daraus zu schließen, dass auch die Erde sich um einen anderen Himmelskörper bewegt, war für damalige Zeiten recht gewagt, genau genommen nichts mehr als ein Indizienbeweis. Um Kopf und Kragen zu retten, schwor er 1633 seinem „Irrglauben“ ab. Tycho Brahe (1546-1601) setzte die Erde wieder in den Mittelpunkt und sein Schüler Johannes Kepler (1571-1630) ersetzte die Kreisbahnen des Kopernikus durch Ellipsen und nach Meinung Vieler bildeten erst seine (auf Brahes Beobachtungen basierenden) Forschungen die Grundlage für eine Neubewertung kosmischer Gesetzmäßigkeiten.

 

Kopernikus , posthumes Gemälde (Corbis)

Ein idealisiertes posthumes Bildnis des Kopernikus, Bildquelle: Corbis

Bruno, Giordano (Astronomia On-line)
Tycho Brahe (Getty Images)

Sah der Erde im Mittelpunkt: der dänische Astronom und Haudegen Tycho Brahe. Bildquelle: Getty Images

06 Galileo Galileo, Gemälde von Justus Sustermans (reuters)

Galileo Galilei, der eigentliche Vater neuzeitlichen heliozentrischen Gedankenguts in einem Gemälde von Justus Sustermans.

Giordano Bruno hatte weniger Glück als der Kirchenmann Kopernikus. Im Jahr 1600 brachte ihn heliozentrisches Gedankengut auf den Scheiterhaufen. Bildquelle: Astronomia On-line

09 Kepler, Johannes (Kopie eines verlorengegangenen Originals von 1610 im Benediktinerkloster in Krems)

Johannes Kepler, Schüler und in den Augen einiger Historiker auch Mörder Tycho Brahes, Kopie eines verlorengegangenen Originals von 1610 im Benediktinerkloster in Krems

Doch der Weg der Annäherung an die physikalische Gesetzlichkeit war und ist komplizierter.

Am wahrscheinlichsten ist das Modell von Tycho Brahe ... die Planeten bewegen sich um die Sonne, und die Sonne bewegt sich um die Erde“. Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einer Zeit kirchlicher Selbstherrlichkeit während der frühen europäischen Neuzeit. Es stammt von dem Theologen Robert Sungenis aus Buffalo (US-Bundesstaat New York) und wird datiert auf das Jahr 2010, immerhin 18 Jahre, nach dem Papst Johannes Paul II Galileo Galilei habilitierte und ein Jahr, nach dem es im Vatikan sogar Diskussionen gab, dem Gelehrten eine Statue zu errichten - dem jetzt amtierenden Pontifex Benedikt allerdings scheint das Schuldeingeständnis des Vorgängers wohl doch zu weit zu gehen.

 

Während sich der Italiener Ärger mit der Inquisition einhandelte, kam sein Vordenker Kopernikus erstaunlich unbeschadet davon. Zu Lebzeiten weitgehend unbeachtet, brachte er es spätestens 2010 zu spätem Ruhm. Im postkommunistischen Polen steht sein Name als Symbol für eine nationale Wiedererstarkung, ein neues Selbstbewusstsein, das zuvor erst durch die NS-Besatzung, dann aber auch durch sowjetischen Truppen auf polnischem Boden arg strapaziert worden war. Selbst der von den Kaczynski-Brüdern geradezu zelebrierte Streit zwischen Polen und Deutschland fand auf dem Rücken des toten Nationalhelden statt. Dann nämlich waren die wissenschaftlichen Untersuchungen an einem im Fromborker Dom gefundenen Skelett abgeschlossen, eindeutig als menschliche Überreste des Kopernikus identifiziert und er wurde mit allem Prunk erneut bestattet. Zuvor hatten sich jedoch noch Gerichtsmediziner der Universität Warszawa daran zu schaffen gemacht und eine Gesichtsrekonstruktion durchgeführt, die durchaus mit zeitgenössischen Porträts korrespondiert (vergl. auch den Bericht a.0).

 

15 Kopernikus, Sekundärbestattung 22.05.10 #08 (Webseite Frombork)

Mit Pomp und Gloria: Unter der polnischen Nationalflagge wurde der Sarg mit Kopernikus’ sterblichen Überresten im Dom zu Frombork am 22. Mai 2010 erneut beigesetzt. Bildquelle: Webseite Frombork

16 Kopernikus Rekonstruktion (afp)

So könnte Kopernikus tatsächlich ausgesehen haben. Eine Gesichtsrekonstruktion der Warschauer Universität. Bildquelle: AFP

Sein Hauptwerk „De Revolutionibus Orbium Caelestium“ lag zu Lebzeiten lange in der Schublade und wurde erst 1540 veröffentlicht. Der katholische Theologe und Fromborker Domherr widmete es seinerzeit Papst Paul III. Es ist unklar, ob der Autor nur den Konflikt mit der Inquisition scheute, oder er sich mit der Widmung vor allem von den protestantischen Thesen Luthers und Melanchthons distanzieren wollte. Aber bei jenen war er unbeliebt, so ist von Martin Luther überliefert: „Der Narr will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Joshua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!

Nie wäre Kopernikus als katholischer Würdenträger auf die Idee gekommen, aufgrund des neuen Weltbildes an der Allmacht der römischen Kirche zu zweifeln.

Klar ist in jedem Fall, dass auch Kopernikus nicht der Erste war, dem der Gedanke eines heliozentrischen Weltbildes kam. Bereits in der Antike wurden durch Aristarchos von Samos um 280 vuZ. vergleichbare Thesen im Ansatz formuliert. Ausschlaggebend waren seinerzeit jedoch philosophische Gedankengänge.

Neu war, dass Kopernikus diese These entwickelte, nachdem er sich Jahrzehnte mit der Astronomie, genau gesagt, der Astrometrik, beschäftigt hatte. In seiner Freizeit, wie betont werden muss. Sein Geld verdiente er mit der Erstellung von Kartenmaterial in offiziellem Auftrag und als Fachmann für das Münzwesen. Weitgehend unbekannt ist, dass die alt hergebrachte Faustregel „schlechtes Geld (geringer Edelmetallanteil) verdrängt gutes Geld (hoher Edelmetallanteil)“, das sog. Greshamsche Gesetz, erstmals von ihm formuliert wurde.

 

Wie allerdings Kopernikus als Kirchenmann auf die Idee kam, sich mit der Astronomie – inklusive der damit verbundenen Risiken für Kopf und Kragen – zu beschäftigen, bleibt zu vermuten. Sicherlich war seine Ausbildung einer der Gründe. Von seinem Ziehvater und späteren Förderer Bischof Lukas Watzenrode zusammen mit Bruder Andreas nach Italien zur Ausbildung geschickt, kam er automatisch in Kontakt mit neuem Gedankengut. Eine große Rolle dürfte dabei die Person des Dominicus Maria de Novara gespielt haben, bei dem er in Bologna studierte. Dieser astronomisch gebildete Gelehrte stand dem geozentrischen Weltbild des Ptolemäus kritisch gegenüber, vermied aber den offenen Konflikt mit den Kirchenoberen. Unbelegt ist, dass eine Bedeckung des Aldebaran durch den Mond auslösender Moment für Kopernikus’ Interesse war.

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Für einen Kirchenvater jener Zeit erstaunlich aufgeschlossen: Kopernikus’ Ziehvater Lukas Watzenrode. Bildquelle: Wikipedia

Zur Ausbildung der Brüder ist anzumerken, dass es in jener Zeit eine spezielle Universitätsausbildung zu einem bestimmten Thema noch nicht so gab, wie wir es heute kennen. Im „Grundstudium“ wurden nicht nur die Grundbegriffe etwa von Rechtswissenschaft, Astronomie, oder Theologie vermittelt, sondern quasi ein wissenschaftliches Allgemeinwissen. Das bedeutet, um etwa Rechtsanwalt oder Theologe werden zu können, musste man Astronomie zwangsläufig mit studieren. Pate stand hier die antike Philosophie von der Verwandtschaft allen Wissens unter einander. So betrachtete ein antiker Wissenschaftler nicht die Musik oder die Astronomie sondern alles zusammen als verschiedene Ausdrucksformen einer übergeordneten Lehre von den allgemeinen Gültigkeit, den sog. artes liberales, einer Einteilung des Isidor (1,2) folgend.

Bruder Andreas war bis zu seiner Erkrankung (Pest?) Domherr zu Frombork, wurde aber von der Kirche ausgeschlossen und starb um das Jahr 1518 in Italien. Möglicherweise befand er sich auf einer Pilgerfahrt, um Heilung zu erbitten.

Bekannt ist, dass Kopernikus zwei Schwestern hatte. Seine – ebenfalls ältere – Schwester Barbara stieg zur Äbtissin des polnischen Klosters Chelmno (Kulme) auf, über die jüngere Katharina ist nur die Hochzeit mit dem Krakauer Geschäftsmann Barthel Gertner bekannt.

Niklas Koppernigk, so sein offizieller Name, wurde im Jahr 1473 in Thorn / Torun als Sohn eines Kaufmanns geboren. Dem Bunde der Hanse angehörig war die Stadt an der Weichsel als Stützpunkt des Deutschen Ordens 1233 gegründet worden, wurde zum zentralen Handelspunkt mit dem angrenzenden Königreich Polen. Kurz vor der Geburt des späteren Gelehrten kam es zur Rebellion gegen die Stadtgründer, deren Ordensburg wurde erobert und zerstört, Thorn unterstellte sich aus freiem Willen im Jahr 1466 dem Schutz der polnischen Könige. Rechtlich gesehen wurde Kopernikus also unter polnischer Staatsoberhoheit geboren.

Dass das zu diesem Zeitpunkt gängige Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt des Universums Mängel aufwies, war nicht nur ihm bekannt. Vor allem die als Oppositionsschleife bekannte Bewegung der äußeren Planeten machte den damaligen Astronomen zu schaffen. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, eine zufrieden stellende Lösung mit dem Dogma der Erde als Zentrum gab es nicht.

Um das Dogma der Geozentrik zu unterlaufen, entstanden zahlreiche Hilfskonstruktionen, von denen jenes des Ptolemaios als eine der kompliziertesten und zugleich abenteuerlichsten gilt. Klaudios Ptolemaios (100-175 uZ) galt für lange Zeit als Koriphäe, sowohl im christlichen Abendland, als auch im islamischen Orient. Viele der Schriften des Ptolemaios wurden nur in arabischer Sprache tradiert. Sie verloren erst mit dem Durchbruch des kopernikanischen Gedankengutes ihre wissenschaftliche Gültigkeit, theologisch (hier: katholisch) galt das ptolemäische Weltbild bis in die 1930er Jahren.

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Er sah gewiss anders aus: Ptolemaios in einer frühneuzeitlichen Darstellung. Bildquelle: Wikipedia

Den dänische Gelehrte Tycho Brahe entschied sich für eine Zwischenlösung. Zwar stand auch für ihn die Erde im Mittelpunkt, doch alle anderen Planeten rotierten um die Sonne, die wiederum ihre Bewegung um die Erde herum durchführte. Genauer betrachtet liegt hier jedoch eine Rezension vor: Brahe schildert ein Weltbild, welches weit über 1500 Jahre zuvor bereits durch Heraclides Ponticus (388-315 vuZ., in der Literatur auch Heraklid von Pontos) im 4. Jh. vuZ. postuliert wurde. Ihn allerdings „störten“ nur die Bewegungen von Merkur und Venus sowie deren große Sonnennähe. Beide Trabanten, so Heraklid, würden ihrerseits die Sonne umkreisen und diese wiederum die Erde. Eine erste, wenn auch zaghafte Abkehr von der Geozentrik. Zumindest zwei Himmelskörper hatten nicht die Erde als Zentrum, nichts anderes behauptete ja Galilei, als er die Jupitermonde entdeckte. Auch jene hatten den Gasriesen als Mittelpunkt und ebenfalls nicht die Erde.

Interessant ist nun, dass Brahe nach Kopernikus wirkte. Das Bild einer linearen Entwicklung der modernen Astronomie, beginnend von dem polnischen Gelehrten, ist ergo als falsch zu bezeichnen. Nicht nur kirchliche Würdenträger standen dem heliozentrischen Weltbild kritisch gegenüber.

Die Wissenschaftler Brahe und Kopernikus waren in ihren Auffassungen verschieden, sie waren es auch als Menschen.

Der polnische Wissenschaftler hatte einen Lebenslauf, der für jeden Betrachter geradezu erschreckend langweilig war. Darüber kann auch der ansonsten recht kurzweilig formulierte und 1977 in Berlin (DDR) erscheinende biographische Roman „Domherr und Astronom“ von Wilhelm Strube nicht hinwegtäuschen. Gezeigt wird ein Wissenschaftler, vergraben in seinen Schriften und Gedankengängen – ein wenig abgekoppelt vom Rest der Welt.

Brahe hingegen wäre eine ideale Besetzung für den Bösewicht einer Daily Soap im Privatfernsehen. Schlägereien, Intrigen, Huren und Besäufnisse sind überliefert, seine Nase aus einer Gold-Silber-Legierung war legendär. Das echte Sinnesorgan verlor er bei einem Duell mit einem Kommilitonen, angeblich ging es um eine mathematische Formel und diesbezügliche Lösungsansätze.

Er wurde im Jahr 1546 in Knudstrup / Schonen geboren, war also ein kleiner Junge, als Kopernikus’ Hauptwerk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Brahe entstammte der damaligen Oberschicht, der junge Mann studierte Rhetorik und Philosophie, der Überlieferung nach brachte ihn die totale Sonnenfinsternis am 21. August 1560 dazu, sich auch mit der Astronomie zu beschäftigen, die sich zu diesem Zeitpunkt mitten im Umbruch befand.

Brahe entdeckt die Supernova von 1572 (Camille Flammarion, Astronomie populaire, Paris 1884)

Die Identifizierung der Supernova vom 11. November 1572 im Sternbild Kassiopeia machte Brahe in der Wissenschaftswelt bekannt. Sein überlieferter Kommentar „ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde“ zeigt allerdings, dass er sich über den wahren astrophysikalischen Hintergrund eines solchen Himmelsereignisses noch nicht bewusst war. Überhaupt war in Europa zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, dass Sterne „neu“ entstehen können (geschweige denn, explodieren), die chinesische Astronomie war da bereits weiter. Man sprach im Reich der Mitte von sog. „Gaststernen“, wenn ein neuer Stern aufleuchtete. Freilich ebenfalls, ohne die Hintergründe auch nur zu erahnen.

Die Entdeckung der Supernova von 1572, wie man sie sich Ende des 19. Jahrhunderts vorstellte. Bildquelle: Camille Flammarion, Astronomie populaire, Paris 1884

Zu den Förderern Brahes gehörte der eher Astrologie- denn Astronomie-begeisterte König Friedrich II. von Dänemark. Die im Öresund gelegene Insel Ven wurde ihm auf Lebzeiten zur Verfügung gestellt, um dort ungestört Beobachtungen durchführen zu können. Hier entstanden die Sternwarten Uranienborg und später die Stjerneborg, bestückt mit den modernsten Messinstrumenten und so kostspielig, dass der Betrieb bis zu 2% der königlichen Haushaltes verschlang. Das Teleskop war Brahe als Hilfsmittel noch nicht bekannt, seine Vermessungsarbeiten erreichten jedoch die für damalige Zeiten erstaunliche Genauigkeit von zwei Bogenminuten, wobei Hauptinstrument ein überdimensionaler Mauerquadrant war.

31 Uranienborg, Ansicht 1663 (Johann Blaeu's Atlas Major)

Brahes Uranienborg in einer Ansicht aus dem Jahr 1663, Bildquelle: Johann Blaeu's Atlas Major

Uranienborg Mauerquadrant #02 (Tycho Brahe, Astronomiae Instauratae Mechanica. Wandsbek 1598

Der im Text angesprochene Mauerquadrant galt als eines der größten astronomischen Instrumente der frühen Neuzeit. Bildquelle: Tycho Brahe Astronomiae Instauratae Mechanica. Wandsbek 1598

32 Stjerneborg, Ansicht 1595, Zeichnung Willem Blaeu #02 (Johann Blaeu's Atlas Major)

Die nicht minder bedeutende Stjerneborg in einer Zeichnung von Willem Blaeu von 1595, Bildquelle: Johann Blaeu's Atlas Major

Brahes Flucht von Dänemark über Hamburg nach Prag hatte mit Wissenschaft herzlich wenig zu tun, eher damit, dass Friedrichs Nachfolger Christian IV den Etat der Sternwarten radikal beschnitt. Offizieller Grund war der Umgang Brahes mit den Bauern auf seinen Gütern. Diese würde er schon aus den geringen Anlässen in Eisen legen lassen. Es ist jedoch anzumerken, dass ein rüder Umgang mit der Landbevölkerung im 16. Jahrhundert seitens der herrschenden Klassen keineswegs Konsequenzen nach sich zog.

Schon damals kursierten Gerüchte an den europäischen Höfen, dass der neue König ein Kuckuckskind und Brahe der Vater sei. Brahe hatte sich offensichtlich neben dem Interesse für Astronomie mit zunehmender Begeisterung auch der Königin gewidmet.

Als dieser Tratsch überhand nahm, verlor Brahe zunächst an Ansehen, dann seinen Job und schließlich auch die berühmte Sternwarte Stjerneborg, die seinerzeit als die Größte des Abendlandes galt. Sein mutmaßlicher königlicher Sohn ließ sie dem Erdboden gleich machen.

War die Exhumierung und Sekundärbestattung des Kopernikus durchaus von politischen Motiven angetrieben worden, hatten die Untersuchungen an den sterblichen Überresten Tycho Brahes andere Beweggründe.

Als Brahe am 24. Januar 1601 verstarb, war schnell eine geplatzte Blase als Todesursache ausgemacht. Ausgesprochen schnell für den Wissensstand der damaligen Medizin. Schon damals kursierten rasch Gerüchte, der bekannte Astronom sei in Wahrheit umgebracht worden.

Die Untersuchungen an Brahes Skelettteilen konnten das im November 2010 bestätigen, wenn auch noch nicht endgültig. Hauptindiz war eine tödliche Dosis Quecksilber, die sich im Barthaar der Leiche fand. Mehr noch: eine Wiederholung des Experimentes mit einem anderen Haar führte zum gleichem Ergebnis. Demnach gelangten vor seinem Tod elf Tage lang hohe, aber nicht tödliche Mengen des Giftes in den Körper Brahes. Den sprichwörtlichen „Rest“ gab ihm eine erneute, diesmal besser dosierte Portion, verabreicht 13 Stunden vor seinem Ableben und in Verbindung mit einem hohen Kalziumanteil, was von Gerichtsmedizinern als Milch als möglichem Verdünner des Giftes interpretiert wird.

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Blick in die Gruft Tycho Brahes während der Graböffnung im Jahr 2010, Bildquelle: Reuters, Petr Josek Snr

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Schädelfragment Brahes mit Überresten von Barthaaren, Bildquelle: Reuters, Petr Josek Snr

Auch an mutmaßlichen Mördern mangelt es nicht. Die Autoren Joshua und Anne-Lee Gilder nannten bereits in ihrem 2004 erscheinenden Buch „Der Fall Kepler – Mord im Namen der Wissenschaft“ den eingangs erwähnten Forscher als Hauptverdächtigen. Kepler war Brahes Schüler, wurde von ihm gefördert, wohnte bei ihm und war vor allem scharf auf die Beobachtungsergebnisse des Lehrers, die dieser wohl behütet weggeschlossen hatte. Mehrfach hatte er sich beschwert, dass Brahe die Daten ungenutzt archivierte. Die bahnbrechenden drei „Keplerschen Gesetze“ wären ohne das Material Brahes undenkbar gewesen. Ferner verweisen die Autoren auf Keplers Familien-Saga. Seine Mutter saß bis zur vom Sohn bewirkten Freilassung wegen Hexerei und Giftmischerei im Gefängnis.

Seit 2007 kommt auch ein Verwandter Brahes als Mörder immer wieder ins Gespräch. Ein Vierteljahr vor dessen Tod tauchte Graf Erik Brahe in Prag auf. Eine eher zwielichtige Gestalt, Spieler und schon zu Lebzeiten mit dem zweifelhaften Ruf eines Auftragskillers behaftet. Der dänische Germanist Peter Andersen betrachtete die Tagebücher des unbekannteren Brahes eingehender. Beobachtung: Immer wieder erscheint die Formulierung „mea culpa“ oder auch „mea magna culpa“ kurz vor dem Tod des Astronomen im Tagebuch des Verwandten. Vermutung: Erik Brahe verabreichte das Gift im Auftrag von König Christian IV von Dänemark. Wir erinnern uns, jener war der mutmaßliche Bastard Tycho Brahe, vertrieb ihn aus Kopenhagen, ließ die Sternwarte schleifen und war bekannt dafür, bei Wutanfällen seinem vermeintlichem Vater mehr als nur das Exil zu wünschen.

So ist es erstaunlich, dass gerade Tycho Brahe als dänischer Wüstling und Rowdy für radikal katholische und evangelikale Christen der Neuzeit zum Kronzeugen geozentrischer christlicher Astronomie wurde.

Der eingangs erwähnte Robert Sungines veranstaltete am 6. November 2010 einen Kongress unter dem Titel „Galileo irrte sich - die Kirche hatte Recht“. Großes Aufsehen in der Fachwelt erreichte der Theologe allerdings nicht, fand sein Treffen doch in South Bend (US-Bundesstaat Indiana) statt, einer verschlafenen Kleinstadt, die in ihrer Rückständigkeit irgendwo zu seinen Thesen passte.

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Sieht die Erde im Mittelpunkt des Universums, und wurde selbst zum Mittelpunkt des Spottes: Robert Sungines, Bildquelle: www.catholicintl.com

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Galilei auf den Scheiterhaufen? So mancher Erzchrist aus Sungines Gefolgschaft fände das nur gerecht... Bildquelle: Webseite GWW

Traditionell ist Sungines auch in der Verwendung verschwörungstheoretischer Argumentation. „Die ehrlichen Forscher erkennen in ihren Büchern den Geozentrismus an, sie gestehen jedoch zugleich, dass sie das Modell aus philosophischen Gründen nicht akzeptieren können „ zitierte ihn Spiegel-Online, „Selbst wenn wissenschaftliche Beweise für den Geozentrismus sprechen, wollen ihn die Wissenschaftler nicht akzeptieren, denn sie müssten dann eingestehen, dass das Universum nicht zufällig entstanden ist.

Anders ausgedrückt: Namen hafte Wissenschaftler sind seiner Meinung. Nur sie trauen sich nicht, es der Öffentlichkeit auch kund zu tun. So müssen sogar Albert Einstein und Stephen Hawkin für den Geozentrismus gerade stehen. Dabei bedient sich Sungines einer zweifelhaften Methode, mit der schon Erich von Däniken zahlreiche Koryphäen zu Zeugen für seine abstrusen Theorien machte: Beide reißen Zitate aus dem Zusammenhang, zitieren Nebensätze und führen so die Aussagen des Zitierten ab absurdum.

Notiz nahm Keiner so richtig von den revolutionären Erkenntnissen von Sungines und seinen erzkatholischen Mitstreitern. Treffend vielleicht ein, zugegeben zynischer, Kommentar auf der Internet-Plattform „Irregular Times – News unfit for print“. Hier bemerkte der Autor F.G. Fitzer in Anspielung auf die 50 Dollar Unkostenbeitrag für den Kongress: „Für fünfzig Dollar kann man heute wenig kaufen, einen Toaster zum Beispiel, einen silbernen Korb für den Geschirrspüler, ein paar Bücher – oder du kannst einen ganzen Tag extrem exzentrischer Unterhaltung bekommen“.

 

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