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Weltuntergang 2012 - Eine kurze Geschichte der Apokalypsen

Teil I: Vom Jahr Null bis ins Jahr 1914

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Nicht erst im Vorfeld des 21. Dezember 2012 beschäftigen sich weltweit die Medien verstärkt mit dem Thema Weltuntergang. Während sich die Boulevard-Presse hauptsächlich dem (möglichst blutigen und lauten) alles beenden Knall widmete, versucht die seriösere Presse dem Phänomen wissenschaftlich zu Leibe zu rücken oder zumindest die Lust am Untergang zu analysieren.

Einmal abgesehen von den hinter einem Untergangsszenario steckenden Fakten ist unbestritten, dass sich mit dem Thema „Vernichtung der Menschheit“ viel Geld verdienen lässt. So ist es nicht verwunderlich, dass die Filmindustrie sich der Materie intensiv widmete und bis heute immer wieder widmet. Roland Emmerichs Streifen „2012“ erreichte rekordverdächtige Kassenumsätze und ließ Klassiker wie den „Kampf der Welten“ aus dem Jahr 1953 wie gemütliches Puschen-Kino aussehen.

Weltuntergangsdeal (toonpool)

Die meisten Zeitgenossen nahmen den Weltuntergang am 21.12.2012 nicht ernst, am wenigsten die Karikaturisten... (Bildquelle: toonpool)

Marsbewohner-defd-movies

Ein Marsbewohner aus dem Film Kampf der Welten von 1953. Eher anrührend, als furchteinflössend (Bildquelle: defd-movies)

Denn die Faszination von einem finalen Ende der menschlichen Zivilisation und vielleicht sogar des gesamten Planeten Erde ist keine bloße Erscheinung der Neuzeit. Die europäische Kulturgeschichte ist gespickt mit Terminen, an denen einzelne Propheten, Glaubensgemeinschaften, aber auch ernst zu nehmende Wissenschaftler damit rechneten, den morgigen Tag nicht mehr zu erleben.

Gerne umschrieben wird der Weltuntergang mit dem aus dem Griechischen stammenden Begriff „Armageddon“ (Ἁρμαγεδών). Er nimmt direkten Bezug auf das Neue Testament und hier die Offenbarungen des Johannes. Laut Textzeile 16,16 findet eine endzeitliche Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse an einem Ort statt, der die Bezeichnung Ἁρμαγεδών trägt.

001597 Israel Megido Feld von Armageddon (wikimedia) klein

Bereits in der Antike umkämpft: Die Ebene von Har Megido im heutigen Israel. Zahlreiche Heere zogen hier entlang, bedeutende Waffengänge könnten den Autoren der biblischen Offenbarungen zu seiner Alles entscheidenden Schlacht von Armageddon inspiriert haben (Bildquelle wikimedia).

Die moderne Forschung ist sich uneins, ob es sich bei Ἁρμαγεδών um eine Ortsangabe oder um eine frei erfundene Lokalität bzw. Metapher handelt. Ein möglicher Kandidat wäre Megido (Har Megido, hebräisch הר מגדו) im heutigen Israel, biblischer Schlachtort (Richter 4, 12-16) und Ort eines Waffenganges zwischen dem ägyptischen Pharao Thutmosis III und dem aufsässigen Volk der Kanaaniter im Jahr 1457 vuZ.

Historisch sind die Offenbarungen in die späteren Schriften des neuen Testamentes einzuordnen, Forschungsansätze schwanken zwischen einer Niederschrift in der Zeitspanne zwischen den römischen Kaisern Galba bis hin zu Hadrian, also entsprechend 68-117 uZ.

Einen mit dem Christentum verbundenen Apokalypse-Gedanken gab es jedoch nicht erst seit den Offenbarungen, sondern bereits kurz nach Jesu' Tod, mutmaßlich um das Jahr 33 uZ. Der Tod des Erlösers und das „Jüngste Gericht“ mussten - so die damalige Ansicht - unmittelbar miteinander verbunden sein. Dabei ist zu bedenken, dass die Urchristen sich in dieser Frühzeit fast ausschließlich aus jüdischen Gemeinden rekrutierten, der messianische Gedanke birgt in einigen jüdischen Glaubensströmungen die zeitliche Einheit von der Erlösung des Volkes Israel durch den Messias und dem Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen. Allerdings findet der Weltuntergang aus jüdischer Sicht weit unblutiger statt, als sie es sich der Autor der Johannes-Offenbarungen ausgemalt hat. Weltuntergangphantasien waren dem Judentum ansonsten weitgehend fremd.

Die Erwartung des Messias als zentraler Inhalt jüdischen Glaubens wird nur selten mit dem Ende der Welt in apokalyptischen Sinne verstanden. Ein Ausnahme machte da z.B. der Gelehrte Shabbetai Tzevi, den einige jüdische Gemeinden Europas und des Orients als den Erlöser anerkannten. Er selbst benannte das Jahr 1665, entsprechend 5425 jüdischer Zeitrechnung, als das Ende der Welt. Allerdings verlor er rasch an Glaubwürdigkeit, als Tzevi zum Islam konvertierte, möglicherweise enttäuscht darüber, das seine eigene Prophezeiung sich nicht erfüllt hatte.

Shabbetai Tzevi in einer zeitgenössischen Darstellung (Bildquelle: Jewish Encyclopedia)

Shabbetai Tzevi (Jewish Encyclodedia)

Völlig unabhängig von urchristlichem Gedankengut gab es auch jüdische Splittergruppen, die die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 durch den römischen Feldherren und Prinzen Titus als Zeichen für das Kommen des Messias interpretierten. Deutlich nieder schlug sich dies im kollektiven Selbstmord der zelotischen Verteidiger von Masada, der in seiner Tragik durch die archäologische Forschung weitgehend belegt werden konnte und im Selbstverständnis des heutigen Staates Israel eine große Rolle spielt.

Nahmen die ersten christlichen Vorhersagen noch unmittelbar auf die Geschehnisse im Nahen Osten um 30 uZ und die Hinrichtung Jesu Bezug, definierten sich Untergangszenarien in der Folgezeit durch die Offenbarungen des Johannes. Auch mathematisches Jonglieren, welches sich auf biblische Zahlenangaben bezog und diese (in teilweise abenteuerlicher Weise) interpretierten und bis heute interpretieren veranlassten „Bibelforscher“ immer wieder, das Ende der Welt zeitlich exakt zu prophezeien.

001499 Hippolytus Sitzstatue, 4.-5.Jh uZ gefunden 1551 Via Tiburtina (VatMus) klein

Dabei spielen „runde“ Zahlen eine herausragende Bedeutung. Bereits Hippolytus (170 - 235 uZ) erwartete die Erfüllung der Offenbarungen und legte sie auf das Jahr 500 nach der Geburt Jesu fest. Er ging von einer Gründung der Welt im Jahr 5500 vuZ aus und postulierte, dass die Welt insgesamt 6000 Jahre existieren würde. Diese Zahl beruht auf eine Aufrechnung von Lebensdaten biblischer Figuren. Abraham etwa wurde 175 Jahre alt (1.Moses, 25), Ismael bracht es auf 137 (ebenda) und so fort. Diese Auffassung wird von evangelikalen Fundamentalisten bis heute vertreten und mündet in der absurden Annahme, eine Evolution hätte nie statt gefunden und die Bibel sei als Solche wortwörtlich zu nehmen.

Diese Sitzstatue des Hippolytus befindet sich in den Vatikanischen Museen. Gefunden wurde sie bereits 1551. Während der Kopf in das 4-5. Jh uZ datiert wird, ist der Rest der Plastik deutlich älter. Vermutlich wurde das Antlitz des später heilig gesprochenen Bischofs von Porto (?) auf ein früheres Kunstwerk montiert (Bildquelle: T. Apiryon, Ordo Templi Orientis)

Grundsätzlich ist bei Angaben antiker, mittelalterlichen und somit auch biblischer Quellen anzumerken, dass die Zahl 1000 (lateinisch M) zwar den numerischen Wert angeben kann, jedoch ebenfalls ein Synonym für „sehr lange“ oder „sehr groß“ ist. Die 1000 ist die größte Zahl im römischen System, die mit einem einzigen Buchstaben dargestellt werden kann. Wenn ein beliebiger antiker Autor also von „in 1000 Jahren spricht“, so kann dies auch mit „in ferner Zukunft“ übersetzt werden.

Den Römern selbst waren Weltuntergangphantasien fremd. Allein die Ideologie der „Roma Aeterna“ (Ewiges Rom) spricht für sich. Die Zeitrechnung der Kaiserzeit kannte zwar die mythologische Gründung der Stadt 753 vuZ als Jahr Null „ab urbe condita“ (seit Gründung der Stadt), im praktischen Leben wurde jedoch nach der Anzahl der Konsulate des Herrschers gerechnet.

Runde Geburtstage“ wurden in Rom gewürdigt und entsprechend gefeiert. Aber weder vom Jahr 47 uZ (ab urbe condita 800), noch 247 uZ, dem römischen Jahr 1000, ist eine Untergangsstimmung überliefert. Im Gegenteil, man feierte sich, den Kaiser und überhaupt die Überlegenheit der römischen Kultur.

Während Hippolytus das Jahr 500 favorisiert hatte, kam der Mönch und spätere Heilige Abbo Floriacensis (ca. 940 - 1004 uZ) zu einem anderen Rechenergebnis. Im Jahr 979 uZ wäre demnach Schluss. Er gilt als bedeutender Mathematiker des europäischen Mittelalters und bezog sich bei seinen Berechnungen auf die erwähnten 1000 Jahre (Offenbarungen 20), setzte jedoch den Beginn seiner Zählung aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf das Jahr 21 vuZ. Abbo erlebte den von ihm errechneten Weltuntergang, es ist jedoch nicht überliefert, wie er auf seinen Nicht-Eintritt reagierte. Bis in heutige Zeit bleiben andere Arbeiten des in England wirkenden Abbo von Bedeutung, er legte das Geburtsjahr Jesu als Fixpunkt „Null“ für eine neue Zeitrechnung fest und führte letztlich die bis heute gebräuchliche Bezeichnung „vor Christus“ bzw. „nach Christi (Geburt)“ ein.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass die erste Jahrtausendwende christlicher Zeitrechnung eine wahre Flut von Armageddon-Vorhersagen mit sich brachte. Berühmtester Vertreter war das Oberhaupt der weströmischen Kirche. Papst Silvester II. soll Überlieferungen zufolge voller Panik gewesen sein, als er für das Jahr 1000 die Erfüllung der Johannes-Offenbarungen verkündete. Glück für ihn, dass nichts geschah. Doch seine Glaubwürdigkeit war arg strapaziert. Relativ kurz nachdem am 1. Januar 1001 die Sonne unerwartet doch wieder aufging, ließ der Pontifex daher verkünden, dass nur seine intensiven Gebete weit Schlimmeres verhindert hätten.

Auch Otto III. (980-1002), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation packte angesichts des Jahrtausendwende die pure Angst. Er versprach, die Krone abzugeben und sich ins Kloster zurückzuziehen, sollte er das Jahr 1001 durch göttliche Fügung doch noch erleben - Otto war nicht der erste Politiker, der sein „Wahlversprechen“ vergaß und im Amt blieb. 

001500 Silvester II Papst (Vatican History)
Otto III Evangeliar um 1000 #02 (Bayerische Staatsbibliothek)_cr

Während Papst Silvester verbreiten ließ, er hätte die Welt durch seine Gebete gerettet, blieb der für Kaiser Otto im Kloster reservierte Platz leer. Er regierte weiter, allerdings nur bis zu seinem Tod Anfang 1002. Zuvor waren er und der Papst vor Unruhen aus Rom geflohen (Bildquellen: Vatican History bzw. Bayerische Staatsbibliothek).

Während Silvester die 1000 Jahre von Geburt Jesu an zählte, galt für den burgundischen Chronisten Radolf Gaber die Wiederauferstehung als Nullpunkt der Zählung. Schon in frühchristlicher Zeit wurde angenommen, dass Jesus bei seiner Hinrichtung 33 Jahre alt war. Folglich würden sich die Johannes-Offenbarungen erst im Jahr 1033 erfüllen.

Teppich von Bayeux Auschnitt Halley (Getty Images)

Grund dafür, den Weltuntergang zu erwarten, hatten die Angelsachsen weitere 33 Jahre später. In der Schlacht von Hastings fand am 20. März 1066 ihre Herrschaft über die britische Insel und das Leben ihres Königs Harold ein jähes Ende. Hinzu kam der Halleysche Komet, der während der normannischen Invasion deutlich sichtbar erschien. Zwar kostete die Machtübernahme der Wikinger so manchem angelsächsischen Adeligen den Kopf, doch dem Fortgang britischer Geschichte tat dies allerdings keinen Abbruch. Es ist nicht überliefert, ob in diesem Falle die Erscheinung eines Kometen ausschließlich negativ empfunden wurde, zumindest die Normannen und ihre Sympathisanten auf angelsächsischer Seite dürften ihn als Glücksboten empfunden haben.

Auf dem Teppich von Bayeux wurde von der normannischen Invasion berichtet und auch der Komet dargestellt (Bildquelle: Getty Images).

Astronomische Berechnungen zur Ermittlung der alles beendenden Schlacht von Armageddon stellte Johannes von Toledo im Jahr 1179 an. Er stieß für 1186 auf eine Konjunktion von gleich sechs Planeten des geozentrischen Weltbildes. Nur der Mond fehlte, Sonne, Merkur, Venus, Mars und Jupiter jedoch standen beieinander. Diesmal kam es nicht zur Massenpanik, kein Wunder, die Sonne überstrahlte diese seltene Konjunktion und war für die Zeitgenossen folglich unsichtbar.

 

Für das Jahr 1500 ist eine Endzeit-Prophezeiung überliefert, die von dem Florentiner Mönch Savonarola stammte. Diese bis heute in katholischen Kreisen umstrittene Gestalt errichtete Ende des 15. Jahrhunderts in der Metropole Florenz einen fundamentalistischen Gottesstaat. Mit seinen Forderungen nach einem bibeltreuen und bescheidenen Leben zog er sich nicht nur den Zorn der Einwohner dieser wohlhabenden Stadt zu. Als Savonarola auch die Verschwendungssucht am päpstlichen Hof anprangerte, war der Konflikt vorprogrammiert. Zunächst versuchte der Heilige Stuhl, den Widerspenstigen mit teuren Geschenken und der Aussicht auf ein Bischofsamt gewissermaßen „gleichzuschalten“. Als Alles nichts half, folgte die Exkommunikation und schließlich der Feuertod auf dem Scheiterhaufen der Inquisition. Zwei Jahre bevor die Welt nach eigener Prophezeiung untergehen sollte, ereilte Savonarola das von ihm offenbar nicht vorhersehbare Schicksal. Nach seinem Tod schien niemand in Florenz seine düsteren Vorhersagen ernst zu nehmen und die Stadt erholte sich schnell und gewann ihre alte Blüte ebenso zurück, wie die sprichwörtliche Verschwendungssucht der herrschenden Klasse jener Zeit.

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Der Himmel über London am 1. Februar 1524 gegen 19 Uhr, die Venus ist gerade untergegangen (Interstellarum).

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Ein vermutlich zeitgenössisches Bild des Mönchs Girolamo Savonarola des Künstlers Fra Bartolomeo (Bildquelle: San Marcuo Museum Florenz).

Einer der Hintergründe für das ausschweifende Leben in jener Zeit dürften die immer wieder kehrenden Pestepidemien gewesen sein, die ganze Landstriche ausrotteten und in den eng besiedelten Städten mit ihren unzureichenden sanitären Anlagen reichlich Nahrung fand. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Untergangs-Vorhersage für den 1. Februar 1524 auf Gehör stieß und etwa im London Heinrich des VIII. zu Massenpanik führte. Hintergrund war wieder eine Konstellation, die uns allerdings heute zwar eindrucksvoll, aber dennoch unspektakulär vorkommt. Bei Sonnenuntergang war die Venus Abendstern, die hellen Planeten Mars, Jupiter und Saturn standen unweit höher im Westen, wobei die Gasriesen besonders eng beieinander standen.

Der bekannteste Vertreter dieses Datums dürfte Martin Luther gewesen sein, übrigens ein hartnäckiger Gegner der These vom heliozentrischen Weltbildes. Als der Reformator jedoch erkennen musste, dass er geirrt hatte, prophezeite er selbst diverse Weltuntergangstermine. Aber auch die Jahre 1532, 1538 und 1541 überlebte die Zivilisation. Luther allerdings vermied es bis zu seinem Tod fünf Jahre später (1546), sich weiter an Spekulationen für einen Armageddon-Termin zu beteiligen.

Das nächste „Stichjahr“ war 1666, eine Prophezeiung, die sich wieder auf die Bibel berief. Immerhin, so eine weit verbreitete Meinung, stünde die Zahl 1000 für die Person Jesu und die 666 bezeichnete in den Offenbarungen 13 das dort beschriebene „zweite Tier“. Prominentester Vertreter dieser These war Christoph Columbus. Unklar darüber, einen neuen Kontinent gefunden zu haben, betrachtete er seine Entdeckung des Seeweges nach Indien als Beginn einer Neuen Zeit, die zugleich die letzte Epoche der Menschheit vor ihrem Untergang sei. Zynisch angemerkt sei gesagt, dass dies anscheinend der einzige Weltuntergang in unserer Auflistung ist, der tatsächlich bedingt stattfand - für die indianischen Kulturen Amerikas bedeutete ihre „Entdeckung“ durch die Europäer in der Tat den Untergang ihrer bisherigen Welt.

Doch fahren wir fort in die Geschichte der vorhergesagten Apokalypsen.

Mit der in den jungen USA garantierten Religionsfreiheit fanden zunehmend evangelikale und fundamentalistische christliche Kirchen und Sekten Gehör. Ihnen allen ist gemein, dass die Offenbarungen des Johannes und der mit ihnen verbundene Endzeit-Glaube einen Kernpunkt ihrer radikalen Bibel-Interpretation bilden..

Den Anfang machten die Adventisten. Gegründet von William Miller war eine seiner ersten Amtshandlungen, den Untergang auf den 21. März 1844 zu verlegen. Die Adventisten, Miller und die ganze Menschheit existierten auch am 22. März noch - der Kirchenführer beeilte sich zu erklären, er habe nicht das Ende der Welt gemeint, sondern nur die „Reinigung der Christen“. Aber auch davon war in der Folgezeit nicht viel zu spüren.

Eine fundamentalistische Gruppierung, die den Begriff Armageddon geradezu überstrapaziert, ist gewiss die der Zeugen Jehovas. Bereits für 1874 sollte nach ihrer Überzeugung der blutige Endkampf zwischen Gut und Böse erfolgen. Nur einige wenige auserwählte Angehörige der umstrittenen Glaubensgemeinschaft würden ins Paradies einziehen. Bekannterweise verlief der Termin im Sande, ebenso wie in den Jahren 1914, 1925, 1975 und 2000. Die Folge war ein merklicher Mitgliederschwund bei den Zeugen Jehovas. Weitere Weltuntergänge werden zwar noch immer berechnet, aber in Hinblick auf vorangegangene Blamagen nicht mehr veröffentlicht.

Auch die Mormonen hielten nicht hinterm Berg. Ihr Gründer Joseph Smith Junior verkündete am 14. Februar 1835 „...das Kommen des Herrn ist nahe, es sollen noch 56 Jahre bis dahin vergehen“. Als es 1891 endlich so weit war, erinnert sich mangels Massenmedien niemand mehr an die Prophezeiung. Smith selbst schied bereits 1844 unfreiwillig aus dem Leben - als Präsidentschaftskandidat wurde er wegen der Polygamie seiner Kirche vom wütenden Mopp in Carthage (Illinois) gelyncht.

Miller, William (wikipedia)

Hatte Weltuntergang mit Reinemachen verwechselt: Adventistengründer William Miller (Bildquelle: Wikimedia).

Smith Jr. Joseph Bild von 1843 (wikipedia)

Mormonenführer Smith Junior verkündete das Kommen des Herren für 1891, konnte aber nicht vorher sehen, dass man ihn 1844 lynchen würde (Bildquelle Wikimedia).

Zu erwähnen ist sicherlich auch eine Vorhersage, die weder zu Lebzeiten noch im betreffenden Jahr 1881 eine Rolle spielen sollte. Mother Shipton alias Ursula Southeil hatte sie im englischen Mittelalter ausgesprochen, angeblich prophezeite sie auch die große Pest von London in der Tudorzeit und die misslungene Invasion der spanischen Armada. Der modernen Geschichtsschreibung indes fällt es schwer, ihr derartige Aussagen auch definitiv zuzuschreiben, denn unter dem Namen der angeblich in einer Höhle in Yorkshire geborenen Seherin wurden nach ihrem Tod viele Vorhersagen getroffen, der Großteil interessanterweise nach dem Eintreffen des Ereignisses.

Während die vorangegangenen Szenarien sich in der Regel nur an die wenigen Mitglieder versprengter Splittergruppen wandte und folglich von der Öffentlichkeit nie ganz ernst genommen wurden, kam es 1910 zu einer Massenpanik mit weitreichenden Folgen. Im Mai des Jahres passierte der Halleysche Komet die Erde und präsentierte sich Forschern wie Laien mit einem imposanten Schweif. Die gerade im Entstehen begriffene Astrofotografie überlieferte zahlreiche Aufnahmen des Ereignisses.

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Die wohl bekannteste Aufnahme des Kometen 1P/Halley aus dem Mai 1910, aufgenommen am in der Nähe von Los Angeles gelegenen Mt. Wilson Observatory (Bildquelle: MWO).

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Die Satirezeitung Simplicissimus widmete Halley 1910 eine Sonderausgabe. Hier verbeugt sich Berlins Oberbürgermeister Kirschner vor dem Kometen und hält ihm eine Ansprache (Bildquelle: Simplicissimus 15, Nr.1, S.5).

Für die Astronomen des beginnenden 20. Jahrhunderts bargen Kometen zwar noch immer viele Geheimnisse, doch verstand man sie bereits als Himmelskörper des eigenen Sonnensystems. Anders die Öffentlichkeit: Eine durch Massenmedien und Fehlinterpretationen selbsternannter „Experten“ Öffentlichkeit lief Amok. Wunderheiler machten Spitzenumsätze, in dem sie Elixiere verhökerten, die gegen angeblich giftige Gase im Kometenschweif wirken sollten. Vereinzelt sind sogar Selbstmorde überliefert. Der ganze Zirkus rief jedoch auch die Satiriker auf den Plan. Der deutsche „Simplicissimus“ z.B. widmete Halley eine ganze Sonderausgabe und nahm Massenpanik und Obrigkeitsdenken im Deutschen Kaiserreich aufs Korn. Auch eine Hamburger Brauerei machte sich eher lustig über den Rummel und nutze das Himmelsereignis für eine Werbekampagne.

Pünktlich zur Himmelerscheinung auch ein neues Bier aus St. Pauli (Bildqulle: Wikimedia).

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Man sollte meinen, die Verbindung zwischen Kometen und Katastrophen hätte sich gelegt, als Halley wieder im Dunklen des Nachthimmels verschwand, doch dem war nicht so. Anhänger von Untergangtheorien sahen sich im wahrsten Sinne des Wortes bestätigt, als „nur“ zwei Jahre später am 14. April 1912 die Titanic mit einem Eisberg kollidierte und sank. Natürlich war dies dem Halleyschen Kometen zu verdanken, ebenso übrigens, wie der Ausbruch des Ersten Weltkrieges weitere zwei Jahre später. Schuld an den Grauen in den Schützengräben war also nicht der Imperialismus des Großkapitals und eines größenwahnsinnigen deutschen Kaisers, sondern erneut das Himmelsereignis.

Wie beruhigend...

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Halley musste für die Titanic-Katastrophe ebenso gerade stehen (Bildquelle: Titanic Society), ebenso...

Teil 2 finden Sie hier.

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...wie für das Grauen des Ersten Weltkrieges, hier im Bild ein Gräberfeld vor Verdun (Bild: Stephen Danko)