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Anmerkungen zu Homers „Ilias“

 

Wer hat noch nie von der schönen Helena gehört? Vom Ruhm und Leid der antiken Helden Hector und Achilles? Vom gewitzten Krieger Odysseus, der die stolze Stadt Troja mittels eines Holzpferdes bezwang? Und von Heinrich Schliemann, dem angeblichen Entdecker des historischen Troja (Abb. 1). Populärwissenschaftliche Werke feiern ihn fälschlich als „Vater der Archäologie“, doch ein Altertumsforscher oder gar Historiker war der reiche Kaufmann aus Mecklenburg nie. Eher ein egozentrischer Träumer, dessen Geld es ihm ermöglichte, was er eigentlich wollte: Finden und Besitzen. Als „Schliemanns Erben“ fühlen sich moderne Archäologen gewiss nicht.

Sein „Schatz des Priamos“, den er mit dubiose Mitteln aus dem osmanischen Reich via Athen nach Berlin schaffen ließ, hat mit dem Troja des Homer nur den Fundort gemein, ist aber mehrere hundert Jahre älter als die tatsächlichen Geschehnisse. Schliemann selbst suchte ganz wo anders, auf Hisarlik (türk. Burghügel“, Abb. 2) am Hellespont (Dardanellen) brachte ihn erst der britische Hobby-Archäologe Frank Calvert. Der schwerreiche Diplomat hatte zuvor Teile des Hügels vom türkischen Staat gekauft und erfolgreich erste Grabungen durchgeführt. Dummerweise teilte er das Schliemann bei einer Zufallsbekanntschaft mit. Der Rest ist bekannt: War Calvert mit seinen Vermutungen noch vorsichtig, verbreitete der selbstverliebte Schliemann kurze Zeit später nach eigenen Grabungen in Hisarlik, die Stadt alleine gefunden zu haben, reklamierte für sich 1873 den Titel „Entdecker Trojas“, etwas, was übrigens dem gerade gegründeten Deutschen Kaiserreich politisch nur allzu gut in dem Kram passte. Bereits zu Lebzeiten kam es zwischen Schliemann und Calvert zum Streit, noch heute erheben die Nachfahren Calverts Ansprüche auf die umfangreichen Funde, die Schliemann bergen konnte.

Troja ist mehr als der trojanische Krieg. Mindestens neun Siedlungen türmen sich übereinander, die früheste wurde in der frühen Bronzezeit errichtet, die späteste datiert in römische Zeit. Eine Besiedlungsdauer also, die sich über rund 3000 Jahre erstreckt. Der stratigraphischen Abfolge folgend werden diese Schichten als Troja I bis IX bezeichnet, wobei Troja I die älteste greifbare Siedlung ist und in die frühe Bronzezeit zwischen 2950 und 2350 v.u.Z. fällt (Abb. 3), während Troja IX eine römische Niederlassung ist, die sich zeitlich von 20 v.u.Z. bis ins 6. Jahrhundert u.Z erstreckt (Abb. 5). Die von Schliemann geborgenen Beweise für den trojanischen Krieg entstammen sämtlich der Schicht Troja II (2350 - 2250 v.u.Z.), während alle Anzeichen für ein gewaltsames Ende der Siedlung sich auf Troja VI (ab 1700 vuZ, Abb. 4), VIIa (etwa 1300 bis 1200 v.u.Z.) und VIIb (ab etwa 1200 v.u.Z.) konzentrieren, wobei sich zwischen den Unterschichten a und b wohl die als „trojanischer Krieg“ bekannte Katastrophe ereignete. Die Überreste von Troja VIIb (Abb. 7) weisen auf einen weitaus primitiveren Lebensstandart als sie in VIIa (Abb. 6) anzutreffen sind. Es scheint so, als hätte eine vor dem Nichts stehende überlebende Bevölkerung nach der Katastrophe versucht, sich in den Trümmern erneut anzusiedeln und das Beste daraus zu machen. Die primitivere Keramikform in Troja VIIb ist ein deutliches Indiz.

Schliemann lag also ein gutes Jahrtausend in seiner Datierung „daneben“.

 

Troja Karte (Projekt Troia)05

Abb. 2: Umgebungskarte Troja (Bildquelle: Projekt Troja)

Troja I Mauern (livius.org)

Abb. 3: Mauerreste der frühbronzezeitlichen Siedlung Troja I (Bildquelle livius.org)

Schliemann, Heinrich #01 Brockhaus 189203

Abb. 1: Heinrich Schliemann (1822-1890) war weder Vater der Archäologie, noch Entdecker Trojas. Die moderne Forschung sieht ihn eher kritisch. Geleitet von Homer und Pausanias lag er sowohl in Troja als auch Mykene in seinen Datierungen deutlich daneben. Seine Egozentrik war schon zu Lebzeiten berüchtigt. (Bildquelle: Brockhaus 1892)

Troja VI Osttor (livius.org)

Abb. 4: Das Osttor von Troja VI und VIIa, der Anlage also, die um 1200 v.u.Z. ein Raub der Flammen wurde (Bildquelle: livius.org)

Troja IX Odeum (livius.org)

Abb. 5: Das römische Odeum von Troja IX. Dass hier Kaiser Nero gesungen hat, dürfte in das Reich der Legenden und Fremdenführergeschichten gehören. (Bildquelle: livius.org)

Troja VIIb Keramik (Istanbul arch Museum)

„Schuld“ an Schliemanns Besessenheit, die sagenhafte Metropole zu finden, war Homer (Abb. 8). Ein Autor, von dem die heutige Wissenschaft nicht einmal die genauen Lebensdaten kennt. Man geht allgemein jedoch vom 8. Jh. v.u.Z. aus. Die Vorstellung, dass es sich um einen blinden alten Dichter gehandelt habe, entspricht späteren Annahmen und ist durch nichts bewiesen. Während seine Urheberschaft für die Ilias als unbestritten gilt, kamen bei der Odyssee bereits Ende des 18. Jahrhunderts erste Zweifel auf, denen die moderne Sprachwissenschaft weitgehend folgt.

Doch fassen wir Homers Überlieferung des Trojanischen Krieges in der Ilias kurz zusammen:

Eigentlich ging alles um Helene (lat. Helena), die Frau des spartanischen Königs Menelaos. Vom trojanischen Prinzen Paris ins Auge gefasst, folgte sie ihm ins Haus des Schwiegervaters Priamos. Und der war König von Troja und als politisch weitblickender Mann so gar nicht begeistert vom Mitbringsel seines Zöglings. Die Griechen ihrerseits schworen zunächst Menelaos die Treue und daraufhin, die Stadt Troja in Schutt und Asche zu legen um die schöne Helena heimzuführen. Unter der Führung von Agamemnon, König von Mykene und Bruder des Menelaos, zog man ins Feld. Zehn Jahre Belagerung brachten wenig ein, bis Odysseus auf die Idee mit dem hölzernen Pferd kam (Abb. 9). Die Griechen täuschten eine Beendigung der Kampfhandlungen vor, zogen mit ihrer Flotte ab, allerdings nur außer Sichtweite. Zurück ließen sie besagtes Pferd, in seinem Bauch versteckt Elitesoldaten. Die Trojaner ihrerseits hielten das Ganze für eine zurückgelassene Opfergabe und schoben es siegestrunken in die Stadt hinein, wobei eigens eine Bresche in die unüberwindlichen Mauern gebrochen wurde. Auf die Warnungen von Königstochter Kassandra hörte niemand. Im Chaos der Siegesfeiern stiegen die versteckten Griechen aus dem Pferd, öffneten die Tore der Stadt, der Rest ist Geschichte. Helena übrigens wurde von Menelaos wieder aufgenommen. Bruder Agamemnon hatte da weniger Glück. Zurück in seiner Königsburg musste er feststellen, dass seine Frau Klytaimestra und ihr Verehrer Aigisthos die Macht in Mykene an sich gerissen hatten. Kurze Zeit später war der Sieger von Troja tot - der Legende nach durch den Nebenbuhler und die Ex-Frau in der Badewanne erschlagen...

Troja VI Keramik (Istanbul ArchMus)

Abb. 6: Keramik aus Troja VI und VIIa mit deutlich kretrischen Einfluss (Bildquelle: Istanbul Archäologisches Museum)

Abb. 7 Deutlich gröbere Züge weist die Keramik auf, die Ausgrabungen in der Schicht Troja VIIb, also nach der Zerstörung zutage förderten. (Bildquelle: Istanbul, Archäologisches Museum)

Homer Glyptothek München

Abb. 8: Dieser Porträtkopf zeigt vermutlich Homer, wie man ihn sich in der griechisch / römischen Antike vorstellte. (Bildquelle: Glyptothek München)

trojanisches Pferd (focus.de)

Abb. 9: Eine schöne, aber doch wohl erfundene Geschichte. Das hölzerne Pferd wird nach Troja hineingeschleppt. (Bildquelle: focus.de)

Soweit die Überlieferung. Es ist anzunehmen, dass Homer diese Geschichte nicht erfand, sondern er nur niederschrieb, was andere Dichter über Generationen hinweg erzählt hatten. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang gerne von „oral history“ („erzählte Geschichte“).

Legen wir die ungefähren Lebensdaten des Homer zugrunde, so vergingen zwischen den tatsächlichen Kampfhandlungen um Troja VII und der Niederschrift der durch oral history überlieferten Erinnerungsfragmente rund 500 Jahre.

In diesem halben Jahrtausend zwischen etwa 1200 v.u.Z und 700 v.u.Z war das antike Griechenland von massiven Umwälzungen geprägt, sowohl in politischer, wie in sozialökonomischer und technologischer Hinsicht.

Troja VIIa ist nicht die einzige Siedlung, die in diesem Zeitraum um 1200 v.u.Z. ein Opfer von Flammen und Verwüstung wurde. In Griechenland, ja im gesamten östlichen Mittelmeerraum trifft die Archäologie auf Zerstörungen beträchtlichen Ausmaßes („Brandhorizonte“). Neben Troja wurden auch die Palastzentren Mykene und Pylos Opfer der Flammen, in Ägypten fielen die Seevölker ein, das Reich der Hethiter brach zusammen und selbst in Mitteleuropa weisen viele bronzezeitliche Siedlungen Zerstörungen auf. Vieles spricht dafür, dass dies alles Zeugen gigantischer Völkerwanderungen sind. Der häufig der ägyptischen Geschichtsschreibung entlehnte Begriff der „Seevölkerinvasion“ mag für einige dieser Zerstörungen verantwortlich sein, erklärt jedoch die Zerstörungen in Mitteleuropa nicht.

Möglicherweise hatte der Waffengang um 1200 v.u.Z. noch andere Gründe. Troja war eng verbunden mit dem hethitischen Großreich und lag relativ nahe an den Dardanellen (Abb. 10), von hier aus konnte man den Schiffsverkehr zwischen Mittel- und Schwarzem Meer überwachen. Ihren Reichtum begründete die Stadt auf der Einnahme von Wege- und Hafenzöllen. Da die Seefahrt der Bronzezeit noch nicht mit der Technik des „gegen den Wind segeln“ vertraut war, mussten Schiffe auf der Fahrt in Schwarze Meer vor Troja auf günstige Winde warten. Somit kontrollierte Troja den Seehandel und konnte ihn nach Belieben auch blockieren. Es ist nicht auszuschließen, dass während des tatsächlichen trojanischen Krieges griechische Handelsmächte versuchten, den Konkurrenten auszuschalten, um freie Fahrt zu haben. Helena - sollte es sie überhaupt gegeben haben - wäre dann nur Vorwand gewesen, um einen Krieg anzuzetteln.

Troja Blick auf die Dardanellen (Wikipedia)04

Abb. 10: Blick vom Burghügel Troja auf die nahen Dardanellen. Es ist anzunehmen, dass dieser strategische Vorteil der wahre Grund für einen Waffengang gegen die Stadt gewesen ist und Helena - wenn überhaupt - nur der Kriegsvorwand. (Bildquelle: Wikipedia)

Die Zeit vor diesen Zerstörungen wird in Griechenland als die „mykenische Epoche“ bezeichnet, wobei der Name „Mykene“ nur namensgebend ist und nichts über die tatsächlichen Machtverhältnisse aussagt. Die Festungsanlage von Mykene war also nicht das Regierungszentrum Griechenlands (Abb. 11, 12).

In Griechenland gab es zu diesem Zeitpunkt verschiedene autonome Gebiete deren Regierungsform allen Anschein nach das Königstum war, der Herrscher wird auf Schrifttafeln jener Zeit (sog. Linear-B) als „Wanax“ bezeichnet. Zentrum dieser Territorien war in der Regel eine mehr oder weniger weitläufige und gut befestigte Palastanlage. Bedeutende Zentren sind in Mykene, Tiryns und Pylos zu finden.

Nach den Zerstörungen begann eine Epoche, die die Forschung gerne als das „Dunkle Zeitalter“ bezeichnet, entlehnt dem angloamerikanischen Begriff „Dark Age“. Diese Bezeichnung bezieht sich in der Hauptsache auf die geringe Funddichte an Siedlungen und vor allem Bestattungen.

Dennoch wäre es falsch, von „dunkel“ im gleichen Sinne zu sprechen, wie landläufig etwa vom „finsteren Mittelalter“ gesprochen wird. Während das europäische Mittelalter im Bezug auf die vorangegangene Antike tatsächlich einen technologischen Rückschritt darstellte, fällt in den Zeitraum des frühgriechischen „Dark Age“ der endgültige Übergang von der Bronze- in die Eisenzeit mit allen technologischen, vor allem waffentechnologischen Neuerungen und ihren gesellschaftlichen Folgen.

Am Ende dieses Neuanfangs stand die „geometrische Epoche“. Sie begann regional zu unterschiedlichen Zeiten um 1000 v.u.Z und endete schließlich um 700 v.u.Z. In dieser Zeit lebte wahrscheinlich Homer. Namensgebend war die vorherrschende Keramik, die sich durch geometrische Bemusterung auszeichnet und lokale Unterschiede aufweist (Abb. 13, 14, 15).

Ein archäologisch greifbarer wichtiger Unterschied zwischen geometrischer und mykenischer Zeit ist die Form der Bestattungen. Vor 1200 v.u.Z. herrschte die Körperbestattung vor, die Toten wurden in steinernen Hügeln beigesetzt. Häufig sind diese Grabhügel das einzige Monument, das von den Siedlungen aus jener Zeit übrig blieb (Abb. 16).

Bereits im Dark Age beginnend setzte sich in der Geometrie die Brandbestattung durch. Auch bei Homer werden die toten Helden verbrannt, ein Hinweis darauf, dass hier mykenische und geometrische Zeit miteinander vermischt werden.

Beobachtungen der Bestattungsdichte z.B. in Attika lassen zunächst auf eine konstante Bevölkerungszahl schließen, die bis um 800 v.u.Z. auch so blieb. Danach aber steigt die Zahl der Bestattungen, ergo auch der Bevölkerung sprunghaft an. Dabei ist zu bemerken, dass in diesem Zeitraum auch die Form der Landwirtschaft Veränderungen unterworfen ist. Herrschte zunächst die Viehzucht vor, so setzte sich nun der Ackerbau durch um schließlich zu dominieren, es scheint eine Urbanisierung (Verstädterung) einzutreten, die die Versorgung von mehr Menschen auf weniger Raum nötig machte (Abb. 17).

Mykene Löwentor #01 (Andreas Trepte) KLEIN02

Abb. 11: Das sog. Löwentor der Festungsanlage von Mykene. (Bildquelle: Andreas Trepte)

Amphora Athen NM 704 (Archäologisches Institut der Universität Göttingen)

Abb. 13 oben: Die auf 725-700 v.u.Z. datierte spätgeometrische Grabamphora Athen Nationalmuseum 704. (Bildquelle: Archäologisches Institut Göttingen)

Amphora, geometrisch um 700 vuZ Galerie Puhze GmbH Auktion Nr. 4189

Abb 15 oben: spätgeometrische Amphora. (Bildquelle: Galerie Puhze GmbH Auktion Nr. 4189)

Mykene Keramik Kriegervase Athen NM 12. Jh (Adam Carr)

Abb 12: Mykenische Keramik aus dem 12. Jh v.u.Z. Die in Reihe marschierenden Bewaffneten verliehen dem im Athener Nationalmuseum stehenden Gefäß die Bezeichnung “Kriegervase”.(Bildquelle: Andreas Trepte)

attische Grabmaphora der Birdseed-Werkstatt (virtuelles Museum Uni Erlangen)02

Abb 14: Eine Grabmaphora aus dem Raum Athen der Birdseed-Werkstatt. (Bildquelle: virtuelles Museum Uni Erlangen)

Murray Abb. 4

Abb. 17: Anstieg der Bestattungen in Attika nach 800 v.u.Z. (Bildquelle: Oswyn Murray, Das frühe Griechernland (1982), Abb. 4)

Mykene Grab des Agamemnon (Rainer Strahler via WDR-Fotoalbum)02

Abb 16: Auch hier irrte Schliemann: Diesen Grabhügel in Mykene ordnete er Agamemnon zu. Die auch als Schatzhaus des Atreus bekannte Anlage ist jedoch deutlich älter (16. Jh. vuZ). (Bildquelle: Rainer Strahler via WDR-Fotoalbum)

Ein gutes Beispiel ist die Erwähnung der Stadt Korinth in der Ilias. Homer nennt sie neben anderen Teilnehmern an der Strafaktion gegen Troja, bezeichnet die Handelsmetropole am Isthmos als das „reiche Korinth“ (Abb. 18) und - in der Tat - zu mutmaßlichen Lebzeiten Homers trifft diese Beschreibung auch zu. Vor allem die günstige geographische Lage begünstigte den Fernhandel nach Italien und in den Nahen Osten und hatten die Stadt binnen Kurzem in eine blühende Metropole verwandelt. In der Zeit des trojanischen Krieges hingegen war Korinth unbedeutend. Nur wenige archäologische Zeugnisse belegen eine bronzezeitliche Besiedlung, von einer imposanten Festungsanlage ganz zu schweigen.

Korinth-Apollontempell#202

Abb 18: Vom reichen Korinth ist nur der alte Apollontempel übrig geblieben (um 550 v.u.Z.), denn die Stadt wurde 146 v.u.Z. durch die Römer dem Erdboden gleichgemacht. Einzig das Heiligtum blieb unberührt. (Bildquelle: Rüdiger Heinrich)

Zu den vielen offensichtlich nicht in mykenischer Zeit beheimateten Vorgängen zählt eine in Ilias 18, 497ff beschriebene Szene, die einen Streit um Schadenersatz beinhaltet. Vor dem versammelten Volk auf der Agora behauptete die eine Seite, das Sühnegeld für einen erschlagenen Mann bezahlt zu haben, die andere Partei hingegen will keine „müde Drachme“ gesehen haben. Derartige Rechtsprechungen in der Öffentlichkeit mit Schlichtern und Richtern kannte man im antiken Griechenland tatsächlich, aber auch sie sind ein Phänomen der demokratischen Stadtstaaten. In der Zeit um 1200 v.u.Z. galt in den Palästen der mykenischen Zeit allein das Wort des Königs, des „Wanax“.

Die Epen heben immer wieder das Volk der Phoiniker (Phönizier) als ausgesprochen eifrige Händler hervor. Das stimmt, tatsächlich war dieses ursprünglich im Libanon beheimateten semitische Volk für seinen Fernhandel ebenso berühmt wie berüchtigt. Aber auch hier erkennen wir Homer und seine Zeit, denn als Glanzzeit des phönizischen Handels gilt die Epoche zwischen 900 und 700 v.u.Z., deutlich nach der Zerstörung Trojas und zeitgleich zur Entstehung von Ilias und Odyssee.

Die immer wieder erwähnte Führungsrolle Spartas birgt ebenfalls Stoff zum Nachdenken. Im mutmaßlichen Zeitraum um 1200 v.u.Z. konnte Sparta keine Rolle spielen, es entstand erst um 1050 als Zusammenschluss mehrerer Orte. Zu Homers Lebzeiten allerdings war es bereits eine lokale Großmacht.

Die Frage nach der Dauer der Kämpfe wirft Zweifel auf. Homer spricht von zehn Jahren, doch es steht zu bezweifeln, ob ein loser Bund agrarwirschaftlich geprägter Stadtstaaten bzw. Palastkulturen logistisch und innenpolitisch fähig gewesen wäre, eine solch' lange Zeitspanne durchzustehen, ohne selbst bleibenden Schaden zu nehmen. Wir sprechen von der Zeit um 1200 v.u.Z. Während die mykenischen Griechen demnach gerade zehn Jahre damit beschäftigt waren, gegen Trojas Mauern anzurennen, ging in ihrer Heimat eine Siedlung nach der anderen in Flammen auf. Selbst die Heimstadt des Anführers Agamemnon, das stolze Mykene, ereilte bekanntlich ein ähnliches Schicksal wie Troja.

Bei Homer kämpfen die Helden mit Waffen aus Bronze. Gleichzeitig aber benutzen die Handwerker Werkzeuge aus Eisen, ebenfalls eine Vermischung und zudem eine Unlogische. Wurde doch eine neue Metalllegierung zu allererst grundsätzlich in der Waffentechnik eingesetzt und erst später auch zivilen Nutzungen zugeführt.

Eine Vermischung der Zeitebenen trifft auf die Art der Kämpfe zu. Zwar tun sich die Helden in Einzelkämpfen hervor, doch kommt es auch immer wieder zu Scharmützeln ganzer Truppenteile. Griechen wie Trojaner rücken in der Art der „Phalanx“ vor (Abb. 19). Diese Ordnung im Gefecht basiert auf dem Schutz des Nebenmannes durch den Nebenmann. Die Schlagkräftigkeit der Phalanx beruht auf ihrer Geschlossenheit. Sie spiegelt auch die gesellschaftliche Ordnung der Stadtstaaten wieder: Gleichberechtigte Bürger sind auch in die Schlacht einander gleichgestellt. Das Heroentum des trojanischen Krieges war hier nicht nur fehl am Platze. Sonderaktionen selbstverliebter Einzelkämpfer würden eine Phalanxordnung eher stören und das gesetzte gemeinsame Ziel möglicherweise sogar untergraben (Abb. 20).

Damit ist nicht gesagt, dass auch in der Zeit des Homer gewonnene militärische Leistungen Einzelner nicht etwa honoriert worden wären.

Die Phalanx jedoch ist die Kampfweise der Stadtstaaten und dies vor allem in ideologischer Hinsicht: Will sagen, die gleichberechtigten Mitglieder der Polis boten in dieser Kampfformation einander Schutz und gelangten nur gemeinsam zum Erfolg.

Streitwagen (Abb. 21) nehmen in der Ilias einen breiten Raum ein. Jedoch scheinen sie Homer nur als Fortbewegungsmittel bekannt zu sein. Der Held stand auf seinem Wagen, um mit ihm zur Schlacht zu fahren. Er erledigt seine Arbeit, zumeist auch seinen Gegner und fährt dann wieder weg. In mykenischer Zeit jedoch waren Streitwagen wahre Kampfmaschinen, zumeist besetzt von einem Lenker und mindestens einem Bogenschützen. Die Räder bespickt mit Messern schlugen sie tödliche Breschen in die feindliche Infanterie. Dies gilt umso mehr für den vorderasiatischen Raum, denn Troja war ja, wie bereits erwähnt, mit großer Wahrscheinlichkeit eher hethitisch denn griechisch geprägt.

Zur Zeit Homers war die leichte Kavallerie Hauptwaffe der adligen Oberschicht. So ist kaum verwunderlich, dass es in der Ilias Szenen gibt, in denen der Autor dem Streitwagen Eigenschaften der Kavallerie zu spricht. So springt er beispielsweise über Gräben Wir müssen also davon ausgehen, dass Homer die Rolle des Streitwagens im konkreten Kampfeinsatz unbekannt war, aber mit der Kampftechnik der Kavallerie vertraut war.

Schließlich sind noch die bei Homer häufig angesprochenen „Dreifüße“ (tripodos) zu nennen (Abb. 22). Ursprünglich gedacht als Haushaltsgeräte zum Erwärmen von Wasser über Feuer wurden sie im homerischen Griechenland zu Kultgegenständen und vor allem Kampfpreisen. Mit der Anzahl in Besitz eines Mannes stieg dessen Bedeutung, oder umgekehrt. Gewonnene Dreifüße als Votivgaben gingen zuhauf in den Besitz von Heiligtümern wie Olympia und angeblich soll die weissagende Pythia in Delphi von einem Dreifuß aus ihre Weisheiten verbreitet haben. Auch waren sie begehrte Gastgeschenke und vor allem ein Phänomen der geometrischen Zeit, also nach der Zerstörung Trojas.

Abschließend lässt sich also sagen, dass die von Homer in der Ilias geschilderte Gesellschaft eine künstliche vom Autor und seinen Vordenkern geschaffene Welt darstellt.

Eine Gesellschaft, in der ein Odysseus, ein Achilles und Hector kämpften, hat es so nie gegeben. Ihre künstliche Welt setzt sich zusammen aus fragmentarischen Erinnerungen an eine diffuse und heroisch verklärte Vergangenheit und die realen Lebensumstände des Homer.

 

Phalanx Rekonstruktion (Perseus Project)

Abb 19: Vorrückende Truppen in Phalax-Ordnung (Bildquelle: Perseus-Projekt)

Achilles tötet Memnon (Rijksmuseum van oudheden, Leiden)

Abb 20:Achilles tötet Memnon. (Bildquelle: Rijksmuseum van oudheden, Leiden)

hethitischer Streitwagen, Zeichnung nach einem ägyptischen Relief (Paul Volz, Die biblischen Altertümer (1914), 514)

Abb. 21: Ein hethitischer Streitwagen, Zeichnung nach einem ägyptischen Relief. (Bildquelle: Paul Volz, Die biblischen Altertümer (1914), 514)

Dreifuß keramische Nachbildung attisch um 850 vuZ Staatliche Antikensammlungen München 7645 (Wikipedia)

Abb 22: Dreifüße waren so wertvoll, dass man sie selten in Gräbern antrifft. So finden sich zahlreiche aus Ton gefertigte Exemplare als Beigaben. Keramische Nachbildung, attisch mittelgeometrisch um 850 v.u.Z., Staatliche Antikensammlungen München Nr. 7645 (Bildquelle: Wikipedia)

Genau betrachtet sind die Helden von Ilias und Odyssee ebenso Traumgestalten wie ein Winnetou und Old Shatterhand eines Karl May, dessen Vorstellungen vom Wilden Westen bekannterweise auch Fiktion waren, den realen Wilden Westen sah May erst in hohem Alter.

Somit entspringen auch Schliemanns Vorstellungen, die ihn bei den Grabungen und deren Interpretation leiteten, einer naiven und idealisierenden Traumwelt vom antiken Griechenland.

Aber das galt nicht nur für Schliemann, denn die beginnende Archäologie des 19. Jahrhunderts war ein Kind dieses als klassizistisch zu bezeichnenden Geschichtsbildes. „Die Alten“, wie damals antike Autoren gerne voller Ehrfurcht genannt wurden, waren über jeden Zweifel erhaben, denn die Antike selbst war zu einer utopischen Traumwelt geworden. Damals, so glaubten selbst ernstzunehmenden Wissenschaftler, waren die Menschen freier, ihre Gedanken aufgeklärter und Helena sowieso die schönste Frau der Welt. Das mag an eine Bemerkung von Peter Ustinov erinnern, der angesichts einer Miss World Wahl schlicht bemerkte: Jeder kennt eine Schönere...

 

Ins Netz gestellt am 09.09.2009, überarbeitet am 18.12.2015