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Kommentar: „Merken Sie sich, was Sie gesehen haben...“

von Rüdiger Heinrich

Jeder hat Verständnis dafür, dass die NASA einen Missionsbeginn verschiebt, wenn Gefahr für Leib und Leben der beteiligten Astronauten besteht. Das Gleiche gilt auch für die Stornierung eines unbemannten Starttermins. Forschungssonden sind sündhaft teuer.

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Der Chef der US-Weltraumbehörde war bereits bei Amtsantritt berüchtigt für fragwürdige Sprüche und seine uneingeschränkte Loyalität zur Bush-Administration. Foto: NASA

Schwerer nachzuvollziehen ist da schon der Hurra-Patriotismus, mit dem bislang jeder Versuch, die Discovery endlich zu starten, begleitet wurde. Den peinlichen Höhepunkt lieferte NASA-Chef Michael Griffin höchst selbst am Tag des tatsächlichen Starts der Discovery. Während seinen Technikern schon schwante, dass nicht alles nach Plan verläuft und möglicherweise die Discovery nur mit Müh und Not zur Erde zurückgebracht werden könnte, empfahl er der Weltpresse „Merken Sie sich, was Sie heute gesehen haben ... Die Macht und Majestät des Starts, aber auch die Kompetenz und die Professionalität, die schiere Frechheit, die Beherztheit, den Mut dieses Teams, das dieses Programm vor zweieinhalb Jahren aus den Tiefen der Verzweiflung gezogen hat.“ In jedem Fall dürften es sich in der Tat viele Zuschauer gemerkt haben, was sie zu hören bekamen. Sicherlich hatte der Start der Discovery etwas majestätisches, aber das hatte die Titanic auch. Die schiere Frechheit des Teams hingegen dürfte sich auf schiere Frechheit Griffins und der Presseabteilung der NASA beschränken. Es gehört Mut dazu, einen derartigen Unfug zu verbreiten und bleibt nur zu hoffen, dass die NASA-Techniker in Houston so sehr in ihrer Arbeit steckten, dass sie den Unsinn nicht ertragen mussten, den ihr Chef von sich gab. Aber vielleicht haben sie sich das gemerkt.

Auch das „Ready for Flight“ auf der NASA-Webseite fing an zu nerven, die Victory-Zeichen der Astronauten noch vor Missionsbeginn wirkten aufgesetzt. Früher hat man sie nach Beendigung eines Fluges so gezeigt - zu Recht. Aber ist es schon Anlass, das Siegeszeichen zu formen, wenn man es vom Warteraum in die Kanzel geschafft hat? Bühnenreif auch die ersten Worte von NASA-Sprecherin Stephanie Stilson nach dem Countdown-Stop am 13. Juli. Die inzwischen überstrapazierte Floskel „kalkuliertes Restrisiko“ musste einmal mehr herhalten, aber die Flugleitung sei „stolz darauf den Fehler gefunden und schnell reagiert zu haben“. Wie kann man auf etwas stolz sein, was eigentlich zur Routine einer Einsatzleitung gehören müsste? Einverstanden, man hatte schnell gemerkt, dass ein Sensor im Eimer war, aber wie er wieder heilzukriegen zu kriegen ist - Fehlanzeige auch nach dem Start. Habe ich mir gemerkt, Herr Griffin.

Dabei steht der Rummel um das Shuttle im krassen Widerspruch dazu, was der neue NASA-Chef sonst so von den Raumfähren hält. Am Liebsten würde Griffin sie alle zum Mond schießen, auf einer Never-come-back Mission und die ISS gleich hinterher. In seinen Augen sind sie veraltet und störanfällig. Vor allem nicht fähig, Amerikas Forderung an sich selbst zu erfüllen: Nummer eins zu sein. Nicht nur in Wirtschaft, Militär und Fast-Food-Ketten. Auch in der Weltraumfahrt.

In der Quantität stimmt das noch, in der Qualität schon lange nicht mehr.

Es schmerzt die Regierung Bush zugeben zu müssen, dass die viel belächelten alten Sojus-Modelle ihre Aufgabe besser erfüllen als störanfällige hyperelektronische US-Systeme, von den Erfolgen der Europäer ganz zu schweigen. Funktionierende Ariane-Träger sind halt besser als defekte Delta 4 Heavys und Shuttles.

Überhaupt sind die jetzigen Raumfähren für Griffin nur ein Klotz am Bein. Dass er das mal gesagt hat, habe ich mir Gemeinerweise auch gemerkt.

Der NASA-Chef fühlt sich zu Höherem berufen. Sein Chef George W. Bush will zum Mond und besser noch gleich zum Mars. Menschlich verständlich. Es wäre für „Baby-Bush“ unerträglich, als der Präsident in die Geschichte einzugehen, der nur per Gerichtsbeschluss überhaupt zu seinem Posten kam und der sein Land in ein militärisches Abenteuer führte, dessen Ausmaße und Umstände an das Vietnamtrauma erinnern. Nach seiner Wiederwahl fanden sich im Internet zahlreiche Seiten von Witzbolden, die sich bei der Weltöffentlichkeit für die Dummheit ihrer amerikanischen Landsleute entschuldigten und händeringend darum baten, von Ausländern adoptiert zu werden. Nein, da ist es doch viel schöner, wenn der Name „G.W. Bush“ in einem Atemzug mit dem Mars genannt würde. Richard Nixon hätte sich sicherlich auch gewünscht, mit dem Mond in Verbindung gebracht zu werden. Aber nach der Watergate-Affäre hat die US-amerikanische Öffentlichkeit ihn selbst auf den Erdtrabanten geschossen. Immerhin: J.F. Kennedy war „ein Berliner“ und wurde durch die Schüsse in Dallas zum Mythos, aber er war es auch, der den Wettlauf zum Mond eröffnete und stets gleichzeitig mit Apollo 11 genannt wird.

Wenn Bush zum Mars will, dann sollte er sich zuvor besser auf seinem eigenen Heimatplaneten auskennen. Bomber in Richtung der afghanischen Stadt Kandahar starten zu lassen und hinterher seine Berater zu fragen, ob das in Pakistan oder Afghanistan liegt, naja -kalkuliertes Restrisiko.

Auch ihre Rolle für die Rüstung spielen die Shuttles schon lange nicht mehr. Sie waren nicht nur ein Kind des ewigen US-amerikanisch-sowjetischen Wettlaufs im All, auch das vor 20 Jahren diskutierte SDI-„Star-Wars“-Projekt Ronald Reagans wäre ohne die Raumfähren nicht realisierbar gewesen und der tragische Absturz der Challenger war einer der Gründe, das Projekt fallen zu lassen. Es war ohnehin durch die neue sowjetische Politik eines Michail Gorbatschow ad absurdum geführt worden.

Nun aber ist die Discovery ins All gestartet und die Techniker überlegen, wie sie Mannschaft und Schiff wieder zur Erde bringen können. Aber es wird lange dauern, bis sich die US-Weltraumbehörde von ihrem ramponierten Image wieder erholen wird, da hilft auch nicht der kürzliche Erfolg von Deep Impact. Oder ist auch dieses ramponierte Image ein kalkuliertes Restrisiko? Auf jeden Fall werde ich mir in Zukunft merken, was Griffin in den vergangenen Tagen und Wochen zum Thema Shuttle widersprüchlich gesagt hat. Gemerkt hat er offensichtlich nichts... (28-07-05)

Dieser Kommentar entstammt NaSchw 97, 2005/07.

 

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